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Wie Fans in China die Fußball Weltmeisterschaft erleben

China steht bei der Fußball-Weltmeisterschaft nicht auf dem Spielfeld. Trotzdem ist das Land überall präsent: vor den Bildschirmen, in den sozialen Netzwerken, auf den Werbebanden und hinter der Technologie des Turniers. Die Geschichte der chinesischen Fußballfans erzählt deshalb weit mehr als nur von einem verpassten sportlichen Erfolg. Sie handelt von Fernsehen, Popkultur, internationalen Stars und einer Nation, die gelernt hat, sich ihre eigenen Helden auszusuchen.

Es ist weit nach Mitternacht in Peking. In einer kleinen Garküche dampfen Nudelsuppen auf den Tischen, während über der Theke ein Fernseher flimmert. Normalerweise würden zu dieser Stunde nur Taxifahrer, Nachtarbeiter und Studierende hier sitzen. Während der Weltmeisterschaft aber verändert sich der Rhythmus der Stadt.

Es ist weit nach Mitternacht in Peking

Was in vielen Ländern wie ein ungewöhnliches Nebeneinander konkurrierender Fangruppen wirken würde, gehört in China zur Normalität. Seit der bislang einzigen Qualifikation der chinesischen Nationalmannschaft im Jahr 2002 verfolgen chinesische Fußballfans die Weltmeisterschaft überwiegend ohne ein eigenes Team.

Aus diesem Mangel ist eine besondere Freiheit entstanden. Wer keine Nationalmannschaft unterstützen kann, darf sich seine Loyalität selbst zusammenstellen: nach Spielern, Spielstil, historischen Erinnerungen, Vereinszugehörigkeit oder schlicht nach Sympathie.

Die Gäste tragen Trikots aus verschiedenen Ländern

Die Weltmeisterschaft in China ist deshalb weniger ein geschlossenes nationales Ritual als ein globales Kulturereignis. Sie wird nicht nur geschaut. Sie wird kommentiert, neu interpretiert, vermarktet und in die digitale Alltagskultur integriert.

Das Privileg, sich ein Team aussuchen zu dürfen

In Ländern mit einer erfolgreichen oder zumindest regelmäßig qualifizierten Nationalmannschaft stellt sich die Frage nach dem bevorzugten Team meist nicht. Die Antwort ist durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Zugehörigkeit vorgegeben.

Viele Fans entscheiden sich bewusst für eine ausländische Mannschaft. Einige unterstützen Argentinien wegen Lionel Messi. Andere folgen Portugal wegen Cristiano Ronaldo, Brasilien wegen seiner offensiven Fußballtradition oder Deutschland wegen Erinnerungen an die Bundesliga und frühere Weltmeisterschaften. Auch England, Spanien, Italien und zunehmend Mannschaften aus Asien haben über die Jahrzehnte treue chinesische Fangemeinden aufgebaut.

Lionel Messi
Lionel Messi

Diese freie Wahl wird in den sozialen Medien häufig ironisch als ein besonderes Privileg bezeichnet. Während Fans in anderen Ländern mit ihrer Nationalmannschaft leiden müssen, können chinesische Zuschauer scheinbar jederzeit zu einem attraktiveren Team wechseln.

Chinesische Fußballfans

Ganz so beliebig ist die Loyalität allerdings nicht. Hinter der Entscheidung für eine Mannschaft stehen oft jahrelange emotionale Bindungen. Sie reichen zurück zu den ersten Fernsehübertragungen, zu berühmten Spielern oder zu jenem Moment, in dem ein chinesischer Fan zum ersten Mal europäischen oder südamerikanischen Spitzenfußball sah.

Chinesische Fußballfans unterstützen nicht einfach irgendeine Mannschaft. Sie tragen vielmehr ihre eigene Sportbiografie in das Turnier hinein.

Gerade deshalb können mehrere Generationen innerhalb einer Familie ganz unterschiedliche Teams bevorzugen. Der Großvater erinnert sich möglicherweise an die argentinische Weltmeistermannschaft von 1978. Der Vater wurde in den 1990er-Jahren durch die italienische Serie A geprägt. Die Tochter folgt heute einzelnen Spielern auf Xiaohongshu, Douyin oder Weibo.

2002: Der kurze chinesische WM-Sommer

Um die heutige Fankultur zu verstehen, muss man in das Jahr 2002 zurückblicken. Damals qualifizierte sich China erstmals für eine Fußball-Weltmeisterschaft. Das Turnier in Südkorea und Japan war für das Land ein historisches Ereignis. Die erfolgreiche Qualifikation hatte im Oktober 2001 landesweite Feiern ausgelöst. Nach dem entscheidenden Sieg gegen Oman strömten Menschen auf die Straßen.

Sportlich verlief das Turnier ernüchternd. China verlor alle drei Gruppenspiele. Gegen Costa Rica unterlag die Mannschaft mit 0:2, gegen Brasilien mit 0:4 und gegen die Türkei mit 0:3. Besonders das Spiel gegen Brasilien wurde zu einer kollektiven Erinnerung. Auf der einen Seite stand die chinesische Mannschaft, die gerade erst die größte Bühne des Weltfußballs betreten hatte. Auf der anderen spielte jenes brasilianische Team, das später Weltmeister werden sollte.

Besonders das Spiel gegen Brasilien wurde zu einer kollektiven Erinnerung
Spiel gegen Brasilien

Die deutliche Niederlage zeigte den sportlichen Abstand. Gleichzeitig verstärkte sie die Bewunderung für den brasilianischen Fußball. Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho und Roberto Carlos verkörperten eine technische Leichtigkeit, die im chinesischen Fußball damals kaum vorstellbar erschien. Die Begegnung machte Brasilien für viele chinesische Zuschauer nicht zum Gegner, sondern zum Vorbild.

Wie das Fernsehen den Fußball nach China brachte

Die Beziehung zwischen China und der Weltmeisterschaft begann jedoch lange vor 2002. Bereits 1978 zeigte das chinesische Staatsfernsehen CCTV Bilder des Turniers in Argentinien. Fernsehgeräte waren damals in chinesischen Haushalten noch selten. Wer ein Gerät besaß, wurde während großer Sportereignisse schnell zum Gastgeber für Nachbarn, Kollegen und Verwandte. Menschen versammelten sich in Gemeinschaftsräumen, Fabriken oder Wohnhöfen, um die Spiele auf kleinen Bildschirmen zu verfolgen.

Fernsehen und Fussball in China

Argentinien gewann das Turnier von 1978 im eigenen Land. Damit entstand auch in China eine der frühesten internationalen Fußballbindungen. Für viele ältere Fans blieb Argentinien über Jahrzehnte das bevorzugte Team.

Diese Loyalität wurde von Generation zu Generation weitergetragen. Nach Mario Kempes kamen Diego Maradona, Gabriel Batistuta und schließlich Lionel Messi. Jeder dieser Spieler verband eine neue Gruppe chinesischer Zuschauer mit der argentinischen Nationalmannschaft. Das Fernsehen fungierte dabei nicht nur als Übertragungsmedium. Es war ein kultureller Übersetzer. Kommentatoren erklärten Regeln, stellten Mannschaften vor und verwandelten weit entfernte Spiele in gemeinsame nationale Erlebnisse.


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Die Serie A als erste große europäische Bühne

Ein weiterer Wendepunkt folgte Ende der 1980er-Jahre. CCTV begann mit der regelmäßigen Ausstrahlung der italienischen Serie A. Für chinesische Zuschauer war dies der erste kontinuierliche Zugang zu einer europäischen Spitzenliga. Italien galt damals als Zentrum des internationalen Vereinsfußballs. Klubs wie AC Mailand, Inter Mailand, Juventus Turin, AS Rom und Lazio Rom beschäftigten einige der besten Spieler der Welt.

Marco van Basten, Ruud Gullit, Roberto Baggio, Paolo Maldini und später Ronaldo oder Gabriel Batistuta wurden auch in China zu bekannten Namen. Wochenendspiele entwickelten sich zu festen Terminen im Alltag vieler Fans.

Diese Loyalität wurde von Generation zu Generation weitergetragen

Die Serie A brachte damit die erste große Generation chinesischer Vereinsfans hervor. Ihre Unterstützung galt nicht mehr nur einer Nationalmannschaft während eines kurzen Turniers, sondern einem Klub über eine gesamte Saison hinweg. Fußball wurde vom gelegentlichen Großereignis zur Gewohnheit.

Die Bundesliga und der erste chinesische Profi

Mitte der 1990er-Jahre folgte die deutsche Bundesliga. Auch sie wurde regelmäßig im chinesischen Fernsehen gezeigt und fand besonders wegen ihrer vollen Stadien, ihrer klaren Spielstruktur und ihrer verlässlichen Sendezeiten ein großes Publikum.

Die emotionale Verbindung zu Deutschland verstärkte sich, als Yang Chen 1998 zu Eintracht Frankfurt wechselte. Er war der erste chinesische Fußballspieler, der in einer der fünf großen europäischen Ligen zum Einsatz kam.

Für chinesische Fans bedeutete dieser Transfer mehr als nur einen sportlichen Erfolg. Er machte den europäischen Vereinsfußball plötzlich persönlich. Ein Spieler aus China stand nun gegen Mannschaften wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen auf dem Platz.

Für chinesische Fans bedeutete dieser Transfer mehr als nur einen sportlichen Erfolg

Yang Chen erzielte Tore, gab Interviews und wurde zu einer Identifikationsfigur. Eintracht Frankfurt gewann dadurch in China eine Aufmerksamkeit, die weit über die damalige sportliche Stellung des Vereins hinausging.

Die Popularität des deutschen Fußballs beruhte daher nicht allein auf Weltmeistertiteln oder bekannten Klubs. Sie war auch das Ergebnis einer frühen Verbindung zwischen chinesischem Talent und europäischem Profisport.

Eine Fußballnation, die ihre Helden importierte

Über viele Jahre entstand die chinesische Fußballkultur nicht in den Stadien der eigenen Profiliga, sondern vor dem Fernseher. Internationale Mannschaften und Spieler lieferten die Geschichten, die dem heimischen Fußball häufig fehlten.


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Argentinien stand für Leidenschaft und große Einzelspieler. Brasilien verkörperte Kreativität und spielerische Freiheit. Italien repräsentierte taktische Raffinesse. Deutschland galt als diszipliniert und effizient. England verband Fußball mit Popkultur, Prominenz und der globalen Strahlkraft der Premier League. Diese Zuschreibungen waren oft vereinfacht. Für das Sportmarketing in China erwiesen sie sich jedoch als äußerst wirkungsvoll. Nationalmannschaften und Vereine wurden zu leicht verständlichen Marken, die jeweils ein bestimmtes Bild vermittelten.

Der internationale Fußball wurde damit zu einem frühen Beispiel globaler Konsumkultur in China. Noch bevor viele westliche Lifestylemarken im Land breit vertreten waren, kannten chinesische Zuschauer bereits die Farben von AC Mailand, Bayern München, Manchester United oder der brasilianischen Nationalmannschaft.

David Beckham war mindestens ein Dutzend Mal in China. Gemeinsam mit seiner Frau Victoria trat er sogar bei der Gala zum Double-11-Shoppingfestival 2016 im Fernsehen auf. Außerdem wurden beide zusammen mit dem Alibaba-Gründer Jack Ma fotografiert.
David Beckham mit seiner Frau Victoria und dem Alibaba-Gründer Jack Ma

Die fehlende Präsenz der eigenen Nationalmannschaft schuf paradoxerweise Raum für besonders vielfältige internationale Bindungen. China war zwar selten Teil des sportlichen Geschehens, entwickelte sich aber zu einem der wichtigsten Zuschauermärkte des Weltfußballs.

Genau darin liegt der zentrale Widerspruch des Fußballs in China. Sportlich blieb das Land über Jahrzehnte hinter seinen Ambitionen zurück. Als Medienmarkt, Konsumraum und Plattform für internationales Sportmarketing wurde es dagegen immer bedeutender.


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