China ist groß. Unglaublich groß. Man muss es erleben, buchstäblich mit dem Fahrrad, Auto oder Motorrad, um die Dimensionen dieses Landes wirklich zu begreifen. Wenn man China auf diese Weise bereist, versteht man, woher das Selbstverständnis kommt, mit den USA um die wichtigste Rolle in der Weltpolitik zu konkurrieren. Nicht, weil einem dieser Anspruch an jeder Straßenecke erklärt wird. Sondern wegen des Eindrucks, den das Land hinterlässt: seine Weite, seine Schönheit, seine Vielfalt.

Mit China Serendipity haben meine Frau Andrea und ich uns vor gut anderthalb Jahren das Ziel gesetzt, unseren Reisegästen die schönsten und unerwartetsten Orte im Westen des Landes zu zeigen. Wir möchten unsere Begeisterung mit Menschen teilen, die offen sind für die Begegnungen und Geschichten, die man hier finden kann. Unvoreingenommen, möglichst frei von Vorurteilen. Mit der Bereitschaft, das Land einfach auf sich wirken zu lassen.
„Wer nicht weint, der sieht nicht.” Victor Hugo, Les Miserables
Alle unsere Touren werden persönlich von uns ausgewählt und getestet. Jede Unterkunft haben wir mindestens einmal ohne Gäste besucht, um genau zu wissen, was wir versprechen. Das ist aufwendig, aber einzigartig. Außerdem unternehmen wir jedes Jahr eine Scouting-Tour, um neue Regionen zu erkunden und gründlich zu prüfen. Zuletzt haben wir uns einen lange gehegten Traum erfüllt: die Taklamakan Wüste allein zu durchqueren und anschließend über Kashgar hinaus bis an die Grenze zu Pakistan zu fahren.
Wenn wir aufbrechen, folgen wir unserem eigenen Rhythmus. Wir haben einen groben Plan, aber keine feste Route. Wir schauen, was passiert.
Und oft entstehen Begegnungen, die man nicht planen kann. Diesmal treffen wir Meister Zhang, den Gründer der Taklamakan-Rallye, der seit zwanzig Jahren mitten in der Wüste lebt. Wir begegnen einem Hutmacher in Kashgar, dessen Familie bereits in dritter Generation handgefertigte Hüte herstellt. Kurz vor Afghanistan treffen wir die ehemalige chinesische Marathonmeisterin, die uns spontan zu ihrer Hochzeit im kommenden Mai einlädt. Und wir erleben, welchen Eindruck es hinterlässt, 3.000 Kilometer an unterschiedlichsten Formen fossiler und grüner Energiegewinnung vorbeizufahren: von Ölproduktion zwischen Weinbergen über Kohleabbau in regenbogenfarbenen Canyons bis hin zu Salzschmelztürmen in der Wüste und Solarkraftwerken, die sogar nachts Strom erzeugen.
Am Ende der Reise treffen wir im Norden von Yunnan auf Helene, eine Nachfahrin jener Tibeter, die vor mehr als 150 Jahren zum Christentum konvertierten und dies teilweise mit ihrem Leben bezahlten. Heute produziert sie gemeinsam mit ihrem Schweizer Ehemann auf 2.500 Metern Höhe einen erstklassigen Rotwein, dessen Preis sich eigentlich erst erschließt, wenn man ihn mit Blick über das Tal verkostet.

Vorbereitung auf das Nichts
13.000 Kilometer im SUV, 6.000 davon durch die Wüste. 1.000 Kilometer von Süd nach Nord, ohne sichtbare Stopps auf der Karte. Wie bereitet man sich darauf vor? Was muss man bedenken? Lieber zu gut vorbereitet als zu wenig. Also wird der SUV aufgerüstet: Sandbleche für den Fall, dass man sich festfährt, ein Kompressor zur Druckanpassung, YouTube-Trainings fürs Fahren in der Wüste, Reservekanister für Benzin, das sich in China aufgrund strenger Vorschriften nur schwer nachfüllen lässt. 13.000 Kilometer später: Nichts davon wurde gebraucht. Das Präventionsparadox.
Die Straßen in China sind selbst in der Wüste perfekt, anders kann man es nicht sagen. Der Offroad-Teil des Abenteuers fällt aus. Trotzdem werden wir später noch durch die Sanddünen fahren. Und dort, wo die Karte nichts zeigt, befindet sich am Ende oft doch ein Ort mit Tankstelle und Unterkunft. Die Infrastruktur in der Wüste wirkt verlässlicher als in den Hochgebirgen von Yunnan oder Sichuan, wo Steinschläge immer wieder Straßen bedrohen.
Unsere erste Hauptroute führt uns von Chengdu nach Golmud. Diesmal über den Kreis Aba, eine Region, die für Wochenendwanderer aus Chengdu gerade noch erreichbar ist. Moderne Cafés im Hochland, ein Aussteiger aus Shanghai, der sein Homestay renoviert, eine Familie, die ihr Anwesen in einzelne Villen mit Kamin umbaut. Im Oktober wird es auf über 3.000 Metern abends kühl, aber das Feuer hält uns warm. Ein gelungener Auftakt.
Für uns ist Golmud das Tor zur Wüste. Die Stadt wirkt, als müsse sie einfach existieren, weil dahinter auf 3.000 Kilometern nichts mehr kommt.
Und genau so ist es. Viel Geschichte hat sie nicht. Gegründet wurde sie erst vor wenigen Jahrzehnten als Industriestandort und Verkehrsknotenpunkt. Wir freuen uns auf den nächsten Tag. 900 Kilometer bis Ruoqiang liegen vor uns, weil entlang der Strecke keine der Unterkünfte Ausländer aufnehmen möchte.

Wüste. Lehrer Zhang und Meister Ding.
Wir brechen morgens im Dunkeln auf, während hinter uns die Sonne über der endlosen Wüstenautobahn aufgeht, in ihrem ganz eigenen Tempo. Wir erreichen den Feicui See, einen der großen Salzseen der Qinghai-Wüste. Inzwischen haben wir etwas Übung darin, Ticketverkäufer davon zu überzeugen, dass wir keine Gefahr für die schönen Seen darstellen, denn manche davon sind für Ausländer tatsächlich gesperrt. China versteht nicht immer, welche Schäden fremde Augen beim Anblick eines Sees verursachen sollen, im Gegensatz zu einheimischen Augen. Vielleicht kann das nur ein alter Kader abends bei Baijiu erklären. Wie auch immer: Diesmal sehen wir wunderschöne smaragdgrüne Salzseen. Zuvor hatten wir bereits azurblaue Seen und regenbogenfarbene heiße Salzquellen gesehen.
Die Natur der Wüste spielt mit Farben. Wie schön.
Am nächsten Tag fahren wir von Ruoqiang noch ein Stück weiter nach Westen, während wir zunehmend gespannt auf die Abzweigung nach Norden warten. Warum diese Aufregung? Wir bewegen uns gerade auf der südlichen Route der historischen Silk Road nach Westen. Links von uns liegen die Kunlun Berge, die das tibetische Hochland von der Taklamakan Wüste trennen. Rechts erstreckt sich endlose Wüste. Die Routen der Seidenstraße verliefen, wie die heutigen Straßen, entlang der Ränder der Wüste zwischen Gebirge und Sanddünen. So fanden die Karawanen Wasser aus den Bergen und damit auch Orte, die Händler versorgen konnten. Dazwischen jedoch liegen etwa 1.200 Kilometer Sandwüste von Nord nach Süd, für Karawanen unpassierbar.
Heute führen allerdings drei Straßen quer durch die Wüste. Wenn man auf der Karte hineinzoomt und der Route folgt, entdeckt man fast exakt in der Mitte der Wüste einen Ort mit buchbarer Unterkunft: Tazhong, unser Ziel für diesen Tag. Dort muss es doch irgendetwas geben. Und tatsächlich: Nach vielen Stunden der Ungewissheit erreichen wir den Ort. Dort treffen wir Herrn Zhang.
Herr Zhang kam vor zwanzig Jahren hierher und lebt seitdem an diesem gottverlassenen Ort. Eine Tankstelle, zwei kleine Restaurants und das Homestay von Herrn Zhang. Vor zwanzig Jahren verdiente er hier sein Geld als Ölarbeiter. Er blieb selbst dann, als die Quellen versiegten. Seitdem hat er ein kleines Angebot für all jene aufgebaut, die sich bis hierher wagen. Er erfand die Taklamakan-Rallye, die fünfhundert Kilometer ohne Straßen durch die Sanddünen führt. Er zeigt uns alte Bohrstellen und eine Landebahn im Sand aus alten amerikanischen Metallplatten. Vor einigen Jahren kam außerdem eine biologische Forschungsstation hinzu, die sich mit der Begrünung der Wüste beschäftigt, unter anderem mit Bäumen, deren Wurzeln dreißig Meter tief in den Sand reichen, um dort Wasser zu finden. Wir schlafen in umgebauten LKW-Containern mit Blick auf die beeindruckende Sammlung riesiger Wüstenfahrzeuge, die Herr Zhang gemeinsam mit einem Mitarbeiter instand hält.
Nach dieser spannenden und unerwarteten Begegnung setzen wir unsere Reise in den nächsten Tagen fort. In Aksu kehren wir zurück in die moderne Zivilisation. Entlang von Baumwollplantagen fahren wir auf der nördlichen Route weiter nach Kashgar.
Die Stadt ist eine Mischung aus klassischer trostloser chinesischer Mittelstandstristesse und gleichzeitig Ausdruck eines Phänomens, das manchmal als „Disneyfizierung“ von Minderheitenkultur in China bezeichnet wird.
Es gibt eine Altstadt, von der drei Viertel touristisch umgestaltet wurden. Einige Seitenstraßen und Gebäude sind jedoch noch historisch und werden weiterhin von den Familien bewohnt, die dort ursprünglich lebten.
Aus unserem Hotelfenster beobachten wir Herrn Ding bei der Arbeit an traditionellen Hüten aus Nerz- und Schafswolle. Seine Werkstatt liegt tief im Gassengewirr der Altstadt, und er zeigt sie uns gerne. Mit uns über Weixin vernetzen möchte er sich allerdings nicht. Kontakte zu Ausländern bringen den Menschen hier Schwierigkeiten. Herr Ding gehört der uigurischen Minderheit an. Und so ist das Leben hier.
Muztagh Ata. Tränen und junges Glück.
Wir besorgen uns in Kashgar die Genehmigung für die nächste Etappe und verlassen die Stadt nach zwei Tagen wieder. Zu viele Touristen, zu viel Disney. Wirklich authentische Begegnungen sind kaum möglich. Schade eigentlich. Doch die kommenden Tage zeigen uns, dass Kashgar zwar nicht unser Herz erobert hat, aber das Tor zu einer der schönsten Regionen Chinas ist, die wir bisher gesehen haben: dem Karakorum im Pamir Gebirge.
Wir verlassen die Stadt und holen uns unterwegs ein paar Lamm-Baozi am Straßenrand für die Fahrt. Dann beginnt die Straße langsam anzusteigen und mit jeder Kurve entfaltet sich das Naturschauspiel ein wenig mehr. Im Zentrum dieser berauschend schönen Landschaft steht Muztagh Ata, der „Vater der Eisberge“. Über 7.500 Meter hoch erhebt er sich allein auf dem Hochplateau. Der Himmel ist klar und blau, ringsum kahle steinige Hügel und mitten darin der gewaltige Gletscherberg. Wunderschön.
Wir filmen, lassen passende Musik im Auto laufen und hinter der nächsten Kurve laufen uns vor Emotionen die Tränen über die Wangen. Der Anblick ist einfach überwältigend schön und man kann sich daran nicht sattsehen.

Die Straße windet sich zweihundert Kilometer lang um den Berg. Immer wieder fahren wir an azurblauen Seen vorbei. Die blaue Farbe stammt von der sogenannten Gletschermilch, dem Schmelzwasser des Muztagh Ata. In den kommenden Tagen fahren wir weiter bis an die Grenzen zu Pakistan und Afghanistan. Kamele ziehen durch die Landschaft, als hätten sie sich längst an die Schönheit ihrer Heimat gewöhnt.
Eine Abgeschiedenheit von der gewöhnlichen Zivilisation, die den wenigen Tourismus hier mühelos aufnimmt.
Glamping auf 4.000 Metern Höhe mit Fußbodenheizung und Sonnenaufgang hinter 5.000 Meter hohen Gipfeln. Die meisten Menschen, die hier leben, sind Tadschiken. Sie empfangen uns herzlich und zeigen uns ihre traditionellen Häuser. Man spürt sofort den Unterschied zu den Uiguren. Sie wirken deutlich offener und haben offensichtlich keine Einschränkungen durch die Regierung zu befürchten. Dadurch verlaufen auch unsere Begegnungen viel entspannter.
In Tashkurgan treffen wir SuLi. Früher war sie chinesische Meisterin im Frauenmarathon und nächstes Jahr möchte sie heiraten. Wir werden zu ihrer traditionellen tadschikischen Hochzeit eingeladen und dürfen sogar Freunde oder Reisegäste mitbringen. Ein Ereignis, das man wahrscheinlich nur einmal im Leben erlebt und das wir nicht verpassen werden.
Wir werden zurückkommen. SuLi wird da sein. Muztagh Ata wird da sein. Die Kamele werden da sein. Serendipity. In China.

Rückreise durch ein Land, das alle Erwartungen übertrifft.
Vor uns liegen nun weitere 6.500 Kilometer bis nach Hause in den Süden von Yunnan. Unsere Euphorie lässt langsam etwas nach. Die Wüste ist nicht immer schön. Trotzdem nehmen wir noch den höchsten natürlichen Felsbogen der Welt im Tianshan Gebirge mit: fünfhundert Meter hoch und hundert Meter breit. Erst zuhause zeigt uns das Drohnenvideo, wie beeindruckend diese Formation tatsächlich ist.
Mit unserem Offroad-Buggy fahren wir durch tief eingeschnittene Canyons in schillernden Regenbogenfarben. Wir besuchen die zweitausend Jahre alte Ruinenstadt Turpan, einst eine der wichtigsten Stationen auf der nördlichen Route der historischen Silk Road. Danach geht es erneut nach Süden in die Wüste, bis zum tiefsten Punkt Chinas, 150 Meter unter dem Meeresspiegel, mitten im Nirgendwo.
Dann fahren wir 2.500 Kilometer Richtung Sichuan, ins Herz von Chinas grüner Energietransformation. Hunderte Kilometer voller Windkraftanlagen, Photovoltaikfelder in kaum vorstellbarer Größe und die Türme modernster Salzthermalkraftwerke, die schon von Weitem aufblitzen. Ringförmig angeordnete Solaranlagen bündeln die Sonnenenergie auf einen Salzkern an der Spitze der Türme, wo das Salz bei 800 Grad Celsius geschmolzen wird. Das flüssige Salz speichert die Energie des Tages und gibt sie nachts wieder zur Stromerzeugung ab. Ein Solarkraftwerk, das rund um die Uhr arbeitet. Diese Eindrücke zeigen auf unserer Reise die Verbindung zwischen jahrtausendealter Seidenstraßenkultur und Energieproduktion des 21. Jahrhunderts.
China bleibt faszinierend. China bleibt aber auch herausfordernd.
13.000 Kilometer Fahrt sind nicht auf jedem einzelnen Kilometer bezaubernd. Es war auch anstrengend. Wir denken zurück an Meister Zhang in der Wüste. An den Hutmacher Ding, der nur zögerlich mit uns sprechen wollte. An SuLi, die wir hoffentlich nächstes Jahr wiedersehen werden.
China ist riesig. China ist vielfältig, manchmal widersprüchlich. Und manchmal so schön, dass einem die Tränen kommen.

Less tourists. More truth.
Unseen China. China abseits der Großstädte im Osten. Zwischen Cyberpunk und Stupas. Unscripted. Anspruchsvoll. Spektakulär. Wer wissen will, wie sich das anfühlt: Wir fahren Euch. Individuell. Kuratiert. Von uns persönlich begleitet. Alles, was ihr dafür braucht: www.chinaserendipity.com
Ein Gastbeitrag von René Ruschmeier, China Serendipity 奇缘.
