Der vergangene Besuch des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz in China hat das Thema endgültig auch in die „ernsten“ Medien katapultiert und parallel läuft auf Social Media ohnehin schon seit Monaten ein Dauerfeuer an China-Content. Im Moment werden wir auf nahezu allen Kanälen mit Meldungen aus und über China geflutet.
Eher selten sind es wirklich vernünftige Einordnungen
Mal sind es kritische Beobachtungen. Mal ist es die (oft diffuse) Angst, von Chinas Schnelligkeit und Effizienz „überrollt“ zu werden. Mal sind es selbst ernannte Influencer, die aus einer verschlafenen europäischen Kleinstadt nach China kommen und dort von Leuchtreklame, Skylines und Speed begeistert sind. Und nur eher selten sind es wirklich vernünftige Einordnungen: Kontext, Geschichte, Widersprüche, Interessen, Perspektiven.
Mich beschäftigt das, weil ich diese Faszination gut kenne.
In den 1980er Jahren begann bei mir alles mit Kultur und interessanterweise über einen Umweg. In meiner Kindheit interessierte ich mich für das antike Griechenland, Archäologie und Mythologie. Irgendwann stieß ich auf die Seidenstraße – und damit war der rote Faden nach China gelegt.
Also studierte ich Sinologie in München, verbrachte einige Semester an der National Taiwan Normal University und viele Monate in der VR China sowie in Hongkong. Meine Magisterarbeit trug den Titel: „Das Bild Chinas in der deutschen Tagespresse“. Angetrieben wurde ich von Neugier auf chinesische KULTUR, nicht von der Suche nach schnellem Geld.
Eine Plattform, auf der sich Europa und China auf Augenhöhe begegnen
Heute bin ich Mitherausgeber von „China im Blickpunkt“ (Relaunch als Printmagazin im 3. Quartal 2026). Unser Anspruch: eine Plattform, auf der sich Europa und China auf Augenhöhe begegnen um voneinander zu lernen, sich besser zu verstehen oder zumindest ernsthaft auszutauschen.
Und genau deshalb sehe ich den aktuellen Trend mit leichter Sorge.
Denn: China ist trending. Verstehen ist etwas anderes. Ein Beitrag bei Jing Daily bringt es sehr treffend auf den Punkt: Westliche Begeisterung ist real aber oft erstaunlich oberflächlich: „dangerous terrain“.

Worin liegen die Gefahren? Hype ersetzt Verständnis. Wer China nur als „Mood“ konsumiert, landet schnell bei Schwarz-Weiß-Bildern – Bewunderung oder Abwehr. Dazwischen: wenig Realität.
„Orientalism chic“ statt echter Begegnung. Wenn Kultur zur exotischen Kulisse wird, entsteht Verzerrung – und im schlimmsten Fall Respektlosigkeit (auch unbeabsichtigt).
Design-Sprache ohne Bedeutung. Die Ästhetik wirkt sofort. Codes, Geschichte und Kontext brauchen Zeit. Ohne Übersetzung entstehen Missverständnisse.
Brücken fehlen. Wir brauchen mehr Menschen und Formate, die nicht polarisieren, sondern erklären und Perspektiven zusammenbringen.
Genau das ist unser Antrieb: Alexandra Stefanov, Tobias Loitsch und ich wollen mit China im Blickpunkt interkulturelles Verständnis auf Augenhöhe vermitteln, und zwar sachlich, neugierig, respektvoll. Nicht als „China-PR“ und nicht als „China-Bashing“, sondern als Raum für Einordnung, Erfahrung, Stimmen aus beiden Welten und echte Praxis. Und wir laden alle Interessierten ein, Teil des Projekts zu werden.
Lasst uns sprechen
Ganz besonders auch Unternehmen, die in irgendeiner Weise mit China zu tun haben: Mittelstand oder Konzern, Zulieferer oder Marke, HR, Legal, Supply Chain, Bildung, Tourismus, Kultur. Wenn ihr Erfahrungen, Fragen, Best Practices oder auch Reibungspunkte habt: Lasst uns sprechen.
Spürt Ihr diesen neuen China-Hype auch? Welche Formate/Inhalte würden euch helfen, Faszination in Verständnis zu übersetzen? Und damit es nicht ganz so bierernst ist, hier ein kleines, einfach nur schönes, Video von einer meiner letzten Reisen.
Autor Joern Pfannkuch
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