Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt

Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt

Das 17.-Jahrhundert-Werk Tiangong Kaiwu („Die Ausbreitung der himmlischen Werke“) des Gelehrten Song Yingxing gehört zu den bedeutendsten technischen Enzyklopädien der Menschheitsgeschichte. Mit akribischen Beschreibungen zu Metallurgie, Mechanik, Landwirtschaft, Chemie, Hydraulik, Druckkunst und Handwerk gilt es als ein Meilenstein der globalen Wissenschaftsgeschichte.

Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt

Während Europa zur gleichen Zeit seine Renaissance-Wissenschaft systematisierte und Werke wie Leonardo da Vincis Codices oder Diderots Encyclopédie hervorbrachte, entwickelte China parallel ein ebenso ambitioniertes Verständnismodell von Natur, Technologie und gesellschaftlicher Organisation. Tiangong Kaiwu ist damit eines der frühesten Zeugnisse eines wirklich globalen wissenschaftlichen Denkens – ein chinesisches Gegenstück zu den großen europäischen Wissensentwürfen.

Das Werk zeigt, dass der technologische und intellektuelle Austausch zwischen China und Europa keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, sondern auf einer jahrhundertelangen, wenn auch oft unterschätzten Parallelentwicklung beruht. Für das heutige Europa, das zunehmend nach neuen kulturellen und wirtschaftlichen Brücken zu Asien sucht, ist dieses vermittelnde historische Wissen essenziell.

Von der Enzyklopädie zur Bühne: „Tiangong Kaiwu“ als episches Tanzdrama

Die moderne Bühnenadaption „Tiangong Kaiwu – An Epic Dance Drama from China“ überträgt diese wissenschaftshistorische Bedeutung in eine bildgewaltige, choreografisch hochkomplexe Erzählung.

Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt

Unter der künstlerischen Leitung des renommierten Regisseurs und Filmemachers Lu Chuan, bekannt für Filme wie City of Life and Death und Chronicles of the Ghostly Tribe, entsteht eine Inszenierung, die traditionelle chinesische Ästhetik mit filmischer Dramaturgie verbindet.

Lu Chuans Handschrift – episch, visuell präzise, emotional nuanciert – macht das Bühnenwerk zu einer Art „lebendiger Enzyklopädie“, in der Wissenschaft, Kunst und Geschichte miteinander verschmelzen.

Die Aufführung in Athen fand im Rahmen des Sino-Hellenic Theater Festival statt – einem Kulturereignis, das sich dem Dialog zwischen China und Griechenland widmet. Diese Plattform verleiht der Inszenierung eine besondere Relevanz. Das Stück wird nicht nur gezeigt, sondern in einem bewusst geschaffenen Raum des kulturellen Austauschs präsentiert, in dem beide Zivilisationen ihre historischen und ästhetischen Perspektiven einbringen.

Chinas kulturelle Großproduktionen als Soft Power

Produktionen wie Tiangong Kaiwu sind Teil einer wachsenden chinesischen Strategie, kulturelle Großprojekte als Form internationaler Verständigung und Soft Power einzusetzen.

Während früher wirtschaftliche Kooperationen oder Technologietransfer im Vordergrund standen, rückt heute die kulturelle Repräsentation zunehmend in den Fokus. China zeigt damit zwei Botschaften:

  • 1. Wir sind eine jahrtausendealte Kultur mit wissenschaftlichem und künstlerischem Erbe.
  • 2. Wir möchten dieses Erbe international teilen – nicht erklärend, sondern erlebbar.

Solche Produktionen fungieren als „kulturelle Botschafter“, die jenseits von Politik und Wirtschaft eine ästhetische Begegnung ermöglichen. Besonders Formate wie das Sino-Hellenic Theater Festival schaffen neue, stabile Brücken, die weit über die Bühne hinausreichen.

Rezeption in Athen – ein Publikum zwischen Bewunderung und Faszination

Bei der Premiere reagierte das Publikum mit Standing Ovations – ein deutliches Zeichen dafür, dass der Brückenschlag zwischen chinesischer Wissenskultur und europäischer Theatertradition gelungen ist.

Tiangong Kaiwu – Von der Enzyklopädie der Welt zur Bühne der Welt

Die Zuschauer honorierten die Kombination aus Choreografie, visueller Kraft, dramaturgischer Klarheit und der spürbaren Ambition, ein Werk von globaler Bedeutung in eine zeitgenössische Bühnensprache zu übersetzen.

Fazit
Mit „Tiangong Kaiwu“ wird ein chinesischer Wissensschatz des 17. Jahrhunderts zu einem kulturellen Ereignis des 21. Jahrhunderts. Das Stück zeigt, wie tief China historisch in die Welt der Wissenschaft eingebettet ist – und wie kraftvoll Kunst dazu beitragen kann, dieses Wissen neu zu vermitteln.
Im Rahmen des Sino-Hellenic Theater Festival erhält diese Begegnung zusätzliche Tiefe: Sie wird Teil eines größeren Dialogs zwischen zwei alten Kulturen, die in Wissenschaft, Philosophie und Kunst mehr Gemeinsames teilen, als oft vermutet wird.

Für Europa ist diese Form der Kulturbegegnung eine Einladung, die gemeinsame Geschichte der Wissenschaft neu zu entdecken – und eine Zukunft zu gestalten, in der Austausch und Neugier im Mittelpunkt stehen.

Weiterführende Informationen

Impressionen der Aufführung in Athen (YouTube)

Interview mit Lu Chuan (YouTube)

Website Sino Hellenic Theater Festival

Über Tiangong Kaiwu (Wikipedia)

Filmregisseur und Choreograf Lu Chuan auf IMDB

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