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Eine kurze Einführung in die ethnischen Minderheiten der Volksrepublik China (Teil 2)

Dieser Beitrag ist die Fortsetzung des ersten Teils zur ethnischen Vielfalt Chinas. Wenn du den Auftakt noch nicht gelesen hast, findest du ihn hier.

Von schweigenden Ehepartnern und Seidenbällen

Heute gibt es noch einige wenige nicht anerkannte Minderheiten in China, wobei einige zu der Mehrheitsgesellschaft, den Han, gezählt werden. Dazu zählen z.B. die Hui’an und Lingao. Die Hui’an leben in Fujian und die Frauen haben ihren eigenen Kleidungsstil, der sehr von den Tai-Völkern geprägt ist. Gleichwohl sind sie sprachlich komplett assimiliert und sprechen einen südlichen Min-Dialekt. Auch sollen die Männer sich optisch bereits komplett an die Han angepasst haben. Dieser Prozess ist jedoch nicht neu, sondern wird sich über einige hunderte Jahre erstreckt haben.

Durch die Technologisierung des Landes und das Bewusstsein für ein selbstbestimmtes Leben wird vermutlich der markanteste Brauch dieser Gruppe bald vollständig verschwunden sein. Die Hui’an pflegen nämlich die Tradition, dass eine Ehe zwischen Mann und Frau arrangiert ist, wobei das Paar auch nach der Hochzeit nicht zusammenleben darf. Begegnen sich beide auf der Straße, müssen sie so tun, als seien sie Fremde. Lediglich ein paar Mal im Jahr darf sich das Ehepaar an Feiertagen treffen und miteinander kopulieren, wobei es ihnen verboten ist, miteinander zu sprechen. Erst nachdem die Frau ein Kind gebärt, darf sie mit dem Ehemann zusammenziehen und beide dürfen kommunizieren.

Der Brauch an sich hat vermutlich zwei Hintergründe. Zum einen wurden die Frauen auch nach der Hochzeit noch bei landwirtschaftlichen Arbeiten der Eltern gebraucht und es war wichtig, dass möglichst viele Familienmitglieder vorhanden sind, welche die Familienarbeit entlasten kann. Gleichzeitig war nicht garantiert, dass ein arrangiertes Ehepaar miteinander auskommt und eine Trennung galt es tunlichst zu vermeiden. War ein Kind in der Ehe, so hoffte man, dass sich die Bindung verfestigen und die Hürde einer Trennung steigen würde. Und auch wenn die Hui’an die wohl letzten waren, die diesen Brauch noch praktizieren, haben sie ihn nicht erfunden.

Denn auch die Zhuang verfuhren auf gleiche Weise über die Jahrhunderte, was also nochmal die Nähe der Hui’an zu den Tai-Kadai-Völkern zeigt. Die Lingao, die auf Hainan heimisch sind, werden ebenfalls zu den Han gezählt. Sie haben viele Bräuche der Han-Ethnie übernommen, sprechen aber noch ihre eigene Sprache, die als Ong-Be innerhalb der Tai-Kadai-Sprachen klassifiziert wird und ein entfernter Verwandter der Zhuang-Sprache ist. Bei den Zhuang ist es übrigens eine Tradition, dass ein Mädchen dem Jungen, den sie mag, einen selbstgemachten Seidenball übergibt, wenn sie ihm ihre Liebe gestehen möchte. Der Seidenball steht symbolisch für ihr Herz. Braucht sie dringend einen Ehepartner, so wirft sie einen Seidenball in eine Gruppe unverheirateter Männer. Derjenige, der den Ball auffängt, muss sie heiraten, unabhängig davon, ob der Mann den Seidenball bewusst oder nur aus Versehen aufgefangen hat.

Die Mädchenjagd und die weinenden Frauen

Tatsächlich sind die Hochzeitsbräuche in China sehr vielfältig. Die Kasachen und Kirgisen betreiben zum Beispiel die Mädchenjagd. Dabei reiten zwei junge Erwachsene, die sich anziehend fühlen, zu einem vorher vereinbarten Ort. Auf dem Weg muss er sie jedoch einfangen. An dem Ort angekommen unterhalten sich beide. Was immer er ihr dort erzählt, auch wenn es nicht ernst gemeint ist, muss er halten. Auf dem Rückweg muss sie ihn dann beim Reiten einfangen und darf auf ihn einschlagen. Mag sie ihn, so tut sie nur so, als würde sie ihn schlagen; verspürt sie jedoch eine tiefe Abneigung, so haut sie zu. Tujia-Frauen wiederum müssen etwa zwei Wochen lang vor der Hochzeit weinen. Offizieller Hintergrund ist, dass sie ihre Familie und alten Freunde vermissen wird, wenn sie zum Ehemann zieht. Tatsächlich ist ein Hauptgrund wohl die Angst vor der Zukunft, denn früher wurden Frauen oft an Männer verheiratet, die sie überhaupt nicht kannten, und so hatten sie Angst davor, schlecht behandelt zu werden.

Der reinigende Kuhmist und der verheiratete Gürtel

Bei den hinduistisch-geprägten Thami in Tibet (die weiterhin unklassifiziert sind) wird die Geburt eines Kindes gefeiert, indem man sich mit Kuhurin bespritzt und das Haus mit Kuhmist spirituell reinigt. Die Dagmo, die zu den Lhoba gezählt werden, und im Dorf Dagmo in Nyingchi wohnen, haben den Ruf, sehr offen für voreheliche intime Kontakte zu sein. Fand eine Tu-Frau – die Tu sind ein mongolisches Volk in Qinghai und Gansu – gefallen an einem Reisenden, so musste er seinen Gürtel bei ihr lassen. Im Falle einer Schwangerschaft wurde sie mit dem Gürtel verheiratet und nahm den Namen des Fremden an, wobei der Gürtel symbolisch für den abwesenden Bräutigam stand. Die Frau und ihr Kind galten fortan als Teil seiner Familie, auch wenn der Reisende nie mehr in den Ort zurückkehrte.

Die Optik: Stille Zeugen von Abstammung und Status

Schließlich springen viele Ethnien auch optisch durch ihren traditionellen Kleidungsstil ins Auge. Besonders bekannt ist der reich verzierte Silberkopfschmuck der Dong und Miao. Man geht davon aus, dass er den Lebensbaum symbolisieren soll. Die Dong-Frauen tragen Jacken und Hosen, welche knapp über den Knien enden. Darüber tragen sie in der Regel Faltenröcke. Dabei dominieren die Farben Schwarz und Indigo. Die Männer tragen einen schwarzen Turban, wobei die Haare darunter in der Regel abrasiert sind und nur einen langen schwarzen Knoten stehen lassen. Dieser Stil lässt sich auch bei den Hmu-Männern, die zu den Miao gehören, vorfinden, was wenig überraschend sein dürfte, da sich ihr Siedlungsgebiet mit den Dong überschneidet. Die Dörfer der Dong sind durch ihre markanten Trommeltürme bereits von Weitem sichtbar. Sie sind das Herzstück des Dorfes und dienen gemeinsamen Versammlungen, wobei man dort auch gemeinsam speist.

Die Miao-Gruppierungen werden in China oft durch ihren Kleidungsstil unterschieden. Bei den Schwarzen Miao dominiert schwarz als Kleidungsfarbe, bei den Roten Miao dominiert rot, bei den Blumigen Miao sind viele bunte Farben vorzufinden, etc. Insgesamt gibt es bei den Miao ganz grob fünf Hauptstile: den Sichuan-Stil, den Hunan-Stil, den südlichen Guizhou-Stil, den östlichen Guizhou-Stil und den Yunnan-Stil. Aber selbst diese grobe Einteilung wird dem Ganzen gewiss nicht gerecht, denn die Miao siedeln über mehrere Provinzen hinweg und haben daher regional völlig unterschiedliche Kleidungsstile, wobei die Kleidung in aufwändiger Handarbeit gestickt und gefärbt wird.

Der Stil sagt viel über den sozialen Status, spirituelle Überzeugungen, aber auch Abstammung aus.

Etwas, was die Miao neben dem silbernen Kopfschmuck eint, sind die Faltenröcke bei Frauen, ebenso wie die in Teilen sehr vielfältig bestickten Jacken. Dies unterstreicht, dass die Kleidungsstile nicht nur auf Funktionalität ausgerichtet sind, gleichwohl aber Funktionalität bei der Verrichtung von Arbeit und die klimatischen Bedingungen ebenso eine Rolle spielen wie die Ressourcen.

Vielfältige Materialien: Fischhäute, Leder, Stoffe und mehr

Die Hezhen, eine tungusischsprachige Minderheit in Heilongjiang, stellen ihre Kleidung und Schuhe komplett aus Fischhaut her. Die Achang-Frauen in Yunnan dagegen sind für ihre bestickten Gürtel bekannt, wobei sich an dem Stil der Kleidung auch ihr Familienstand ablesen lässt, da sich verheiratete Frauen anders kleiden als unverheiratete Frauen. Bei den Daguren, die als mögliche Nachfahren der Chitanen gelten, tragen die Männer in der Regel Lederkleidung, während Frauen Stoffkleidung tragen. Und die Dongxiang, ein schirongolisch-mongolisches Volk in Qinghai kleiden bereits ihre Kinder wie Erwachsene ein. Die traditionelle Kleidung der Rentier-Ewenken wiederum besteht aus Tierhäuten.

Assimilation: Mythos oder Realität?

Zum Abschluss gilt es noch zu klären, inwiefern die ethnischen Minderheiten einer Assimilation an die Mehrheit ausgesetzt sind. Zuerst: das Problem der Assimilation ist real. Aber: Es ist komplexer und gänzlich anders als in Darstellungen in Deutschland oft angenommen wird. Ich habe vorhin nämlich bewusst die Bezeichnung „Assimilation an die Mehrheit“ und nicht „an die Han-Mehrheitsgesellschaft“ verwendet. Hier liegt nämlich der tragende Unterschied.

Die kleineren Nationalitäten tendieren dazu, sich an die ihnen umliegenden größeren Nationalitäten anzupassen. Das gilt übrigens auch für kleinere Gruppen der großen Nationalitäten.

Die Mongolen gehören zu den größeren Völkern, welche sich von Bortala und Bayingolin in Xinjiang über Gansu und Qinghai bis weit in die Innere Mongolei und nach Heilongjiang erstrecken. Es gibt aber auch jeweils eine kleine Gruppe an Mongolen in Sichuan und Yunnan. Diese sprechen kein Mongolisch mehr, sondern haben sich an die tibeto-birmanische Sprachumgebung assimiliert und jeweils ihre eigene tibeto-birmanische Sprache hervorgebracht. Die Amdo-Mongolen (Sogwo-Arig) im Bezirk Hainan in Qinghai sollen ursprünglich aus Hunan in die Amdo-Gebiete migriert sein. Inzwischen sprechen sie aber kein Mongolisch mehr, sondern haben einen amdo-tibetischen Dialekt angenommen, der sich lediglich durch eine höhere Zahl mongolischer Lehnwörter auszeichnet, sich ansonsten aber nicht von den umliegenden Tibetern unterscheidet. Ihre Traditionen, wie der Bau von Jurten, haben die Sogwo Arig jedoch bewahrt. Die Fuyu-Kirgisen in Heilongjiang, die eine sibirische Turksprache sprachen, nahmen im Laufe des 20. Jahrhunderts die mongolische Sprache an. Die jetzige Generation dagegen bevorzugt Chinesisch, sodass es einen sprachlichen Shift vom Fuyu-Kirgisischen zum Mongolischen zum Chinesischen gab. Die letzten Sprecher des Fuyu-Kirgisischen wurden in den 1980er-Jahren wahrgenommen. Inzwischen dürfte die Sprache ausgestorben sein.

Religiöse und sprachliche Assimilation!?

Auch religiöse Assimilation hat im Laufe der Geschichte stattgefunden. So haben die Mönpa den tibetischen Buddhismus angenommen, während im Westen Chinas vor Jahrhunderten eine Konvertierungswelle zum Islam stattgefunden hat. Dies hat dann dazu geführt, dass muslimische Chinesischsprecher in Gansu den lokalen Mandarin-Dialekt in arabischer Schrift dokumentiert haben. Denn vor allem die arme Bevölkerung konnte keine Schriftzeichen lesen und schreiben, gleichzeitig lernte man aber in Moscheeschulen den Koran, sodass man die arabische Schrift schreiben konnte, die folglich zur Verschriftlichung im Alltag genutzt wurde.

Heute ist der Feind der Minderheitenidentitäten die Urbanisierung und Industrialisierung.

Die Menschen leben ein modernes Leben und tragen daher keine lokale Kleidung mehr, im Alltag wird die umliegende dominante Sprache – sei es Chinesisch, Tibetisch, Mongolisch oder Uigurisch – immer wichtiger, sodass man die eigene Sprache nicht mehr spricht. In Zeiten von Internet und schnellen Hypes erreicht man mehr Menschen auf Chinesisch in ganz China als durch seine eigene Sprache. Optisch fallen dadurch die Angehörigen der Minderheiten, vor allem natürlich in den großen Städten, gar nicht auf. Die Minderheiten werden somit immer unsichtbarer. Gleichzeitig erhöhen sich damit natürlich auch die Perspektiven: der moderne Zugang zu Bildung und gut bezahlter Arbeit. Dies ist ein Teufelskreislauf, der sich zum Beispiel bei den tungusischen Völkern zeigt. Die Identitäten der Ewenken, Oroqen, Mandschuren und Hezhen sind sehr stark vom Aussterben bedroht. Die Mandschuren sind nahezu komplett assimiliert, obwohl sie zu den großen Nationalitäten Chinas zählen und es gibt nur noch eine Hand voll Muttersprachler der mandschurischen Sprache.

Echte Herausforderungen und das Problem der Problemüberzeichnung

Das größte Problem ist jedoch die in der westlichen Sphäre stete Darstellung eines Chinas der Extreme. Der Fakt, dass einige Tibeter in Internate geschickt werden, wird als Auslöschung ihrer Identität geframt. Die Einführung der chinesischen Sprache als Schulfach wird zum Ausrottungsversuch der tibetischen Sprache stigmatisiert.

Die Wahrheit vor Ort ist auch hier wieder nuancierter und viel komplexer.

Tatsächlich müssen einige tibetische Kinder von Nomadenfamilien in Internate, damit diese der Schulpflicht nachkommen können. Es wird vor Ort in Tibet sehr kritisch gesehen, dass Kinder damit aus ihrer traditionellen Umgebung entwurzelt werden und dies ein starker Einschnitt ist. Gleichzeitig stimmt es aber nicht, dass diese vollständig assimiliert werden, denn die Internate unterrichten einen beträchtlichen Teil der Fächer auf Tibetisch und die Sprache bleibt erhalten. Positiverweise kann man anmerken, dass die Kinder aufgrund der besseren Bildung später mehr verdienen und ihre Eltern finanziell unterstützen können, was den Lebensstandard erhöhen wird. Ebenso haben Tibeter tatsächlich immer wieder gegen die Stärkung der Stellung der chinesischen Sprache in Schulen demonstriert, aus Angst, dass das Tibetische verdrängt werden könnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man vor einigen Jahren eingeführt hat, dass eine bestimmte Zahl an Fächern auf Chinesisch unterrichtet werden soll. Meines Wissens nach betraf dies ausschließlich die Fächer Politik, Geschichte und chinesische Sprache, auch wenn ich dies nicht objektiv überprüfen kann. Es gilt aber als unbestritten, dass ein Großteil der Fächer weiterhin auf Tibetisch unterrichtet wird, sodass der Vorwurf einer gezielten Hanisierung nicht eindeutig belegt werden kann, obgleich die Regierung natürlich versucht, dass die Gesellschaft enger zusammenwächst und dies auch im Bildungsbereich Auswirkungen hat. Auch werden weiterhin Fernseh- und Radioprogramme in Minderheitensprachen ausgestrahlt und Zeitungen und Bücher in Minderheitensprachen gedruckt.

Gleichwohl nun also die Kritik einen wahren Kern hat, wird sie oft extrem überzeichnet und zugespitzt und führt damit zu einseitigen Debatten, die in dieser Form nicht mehr dem eigentlichen Sachverhalt gerecht werden. Natürlich hat auch die Kulturrevolution in der Formung der Minderheiten, ihren gesellschaftlichen Strukturen und der Lebensweise einen großen – leider nicht zuletzt negativen – Einfluss gehabt, der aber in diesem kurzen Artikel nicht heruntergebrochen werden kann. Politisch betrachtet sind die Minderheitennationalitäten jedoch im chinesischen Parlament gemessen an der Gesamtbevölkerung zahlenmäßig überrepräsentiert und damit im politischen Prozess (anders als oftmals porträtiert) nicht ausgeschlossen.

Fazit

Auch wenn die chinesische Bevölkerung auf den ersten Blick ethnisch recht homogen erscheint, ist sie es bei Weitem nicht. China ist ein Vielvölkerstaat, wobei sich die Situation der Minderheiten regional sehr stark unterscheidet. In deutschen Diskursen wird oft eine Verengung auf einige wenige Fallbeispiele vorgenommen. Diese Diskussionen sind per se nicht falsch oder schlecht, verdienen aber eine nuanciertere Betrachtung, vor allem im Licht der Tatsache, dass China eine sehr heterogene Gesellschaftsstruktur in einem politisch sehr machtzentrierten Land besitzt.

Die ethnischen Minderheiten an sich sind nicht künstlich erschaffen, aber vereinfacht zusammengefasst, sodass sie aktiv sichtbar werden und nicht in langen Aufzählungs-Karteilisten regionaler und regionalster Identitäten untergehen.

Die Kommunistische Partei hat ihnen bei der Identitätsfindung im nationalstaatlichen Kontext geholfen, obgleich die Minderheitenpolitik aus vielerlei Hinsicht nicht unumstritten ist. Dies ist unweigerlich mit dem Dilemma der Moderne verbunden, dass die Politik darauf abzielt, zu einer hochmodernen einheitlich-integrativen Gesellschaft zusammenzuwachsen, sodass Technologisierung und Urbanisierung zu einer Verwischung von Lokalität und Regionalität führen. Moderne Bildungschancen können eine Verwurzelung aus dem Heimatort zur Folge haben, sodass Chancen und Risiken gleichermaßen entstehen.

Den Vorwurf der gezielten Hanisierung oder gar kulturellen Vernichtung kann ich, auf Basis der betrachteten Fallbeispiele, jedoch nicht bestätigen, was auch daran liegt, dass die hinter einer solchen These stehenden Modelle praktisch zu kurz greifen und in einem Schwarz-Weiß-Denken, nicht selten auch einem Gut-Böse-Dualismus verharrt und der tatsächlichen gesellschaftlichen Komplexität und Mehrdimensionalität damit nicht gerecht wird. Kulturell sind Chinas Minderheiten sehr vielfältig. Sie nutzen verschiedenste Materialien zur Produktion ihrer Kleidung, von pflanzlichen bis tierischen Produkten, und haben eine faszinierende Auswahl an Hochzeitsbräuchen, wovon einige aber aufgrund der strukturellen Benachteiligung von Frauen oder dem der Menschenwürde zuwiderlaufenden Aspekt der Zwangsheirat ihre Relevanz verlieren und damit in Zukunft aussterben werden.

Somit befindet sich die Kulturschöpfung auch stets in einem dynamischen Prozess, der nicht fixiert gesehen werden darf, sondern dem Kreislauf von Kommen und Gehen und der zeitlichen Wandlung unterworfen ist. Kulturgut geht zugunsten individueller Freiheit verloren und neues Kulturgut entsteht. Letzteres geschieht aber oft nicht mehr in einem auf ein kleines eng beschränktes Gebiet, sondern in einem größeren Rahmen über ethnische Grenzen hinaus.


Buchtipp: Timo Schmitz: Chinas ethnische Minderheiten, Band 1Selbstverlag, 2025, 154 Seiten, kostenlose PDF.

Die Volksrepublik China ist ein multiethnischer Staat mit 56 offiziell anerkannten Nationalitäten, von denen die Han rund 90 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Während einzelne Minderheiten wie die Tibeter, Uiguren oder Mongolen im deutschsprachigen Raum gelegentlich mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren, bleibt der Großteil der ethnischen Vielfalt Chinas bislang weitgehend unbeachtet. Das vorliegende Werk verfolgt das Ziel, diese Leerstelle zu adressieren und einen ersten systematischen Überblick über die ethnischen Minderheiten Chinas in deutscher Sprache zu bieten. Es versteht sich als Auftakt zu einer mehrbändigen Reihe, die zur vertieften Auseinandersetzung mit der ethnischen Komplexität Chinas einladen und zur wissenschaftlichen Diskussion beitragen möchte.

In Band 1 werden folgende anerkannte Minderheiten behandelt: Achang, Bai, Blang, Bonan, Bouyei, Dai, Daguren, De’ang, Derung, Dong, Dongxiang, Ewenken, Hezhen, Kirgisen, Koreaner, Miao, Mongolen, Nu, Oroqen, Russen, Tataren, Tu (Monguoren), Tujia, Uiguren, Va und Zhuang. Zudem werden die Chadong, Daman, Hui’an und Lingao thematisiert, welche nicht als eigenständige Nationalitäten anerkannt sind.


Ein Gastbeitrag von Timo Schmitz

Beitragsbild: Guizhou, ethnische Minderheit Miao. Fotograf: Sven Tetzlaff

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